Worauf es in unsicheren Zeiten ankommt

Worauf es in unsicheren Zeiten ankommt

Worauf es in unsicheren Zeiten ankommt
Photo by Jeffrey Blum on Unsplash

Der Winter ist ohnehin für viele eine Herausforderung: Die Sonne geht spät auf und früh unter, draussen ist es nass und kalt und saisonale Depressionen treten auf. Diesen Winter kommt erschwerend eine globale Pandemie hinzu. Was ist jetzt wichtig, um diese Monatemit Zuversicht zu bewältigen? Routinen, gesunde Gewohnheiten und Achtsamkeit sind gute Mittel für ein bewusstes Leben und innere Ausgeglichenheit – aktuell noch viel mehr. Hier findest du einige Tipps und Inspiration, wie du mit dem Corona-Winter am besten umgehst.

 

Suche Halt in Routinen und Tagesstrukturen

Der Mensch braucht Gewohnheiten: Sie entlasten das Gehirn und verhelfen zu Stabilität. Das macht sie insbesondere in aufwühlenden und beunruhigenden Zeiten wertvoll. Selbst wenn die Corona-Pandemie grosse Teile deines Alltags aktuell auf den Kopf stellt, bewahre dir möglichst viele deiner üblichen Routinen und wirf sie nicht über Bord. Klare Strukturen dienen in unsicheren Phasen als dein Anker: An ihnen kannst du auch dann festhalten, wenn Sorgen, Zweifel und Ängste sich breitmachen.

Das ist zum Beispiel wichtig, wenn du dank Corona zurzeit im Homeoffice statt im Büro arbeitest. Versuche, dich nicht dazu verleiten zu lassen, morgens eine Stunde länger liegen zu bleiben, den Schlafanzug anzulassen oder gar vom Sofa oder dem Bett aus zu arbeiten. Auch wenn es verlockend scheint – Behalte stattdessen deine gewöhnliche Morgenroutine bei. Das heisst, zur gleichen Zeit aufzustehen und dich so anzuziehen, als würdest du ins Büro fahren. Und vor Arbeitsbeginn trotzdem die Yogamatte auszurollen, auch wenn du dich heute vielleicht gar nicht danach fühlst. Jede Routine, die du auch an schlechten Tagen durchführst, stellt ein kleines Erfolgserlebnis dar und kann am Ende des Tages einen grossen Unterschied für dein Wohlbefinden machen.

Zudem ist es empfehlenswert, für ausreichend Struktur zu sorgen. Beispielsweise indem du fixe Arbeits- und Pausenzeiten sowie einen festen Arbeitsplatz in deiner Wohnung bestimmst. Du kannst bereits am Vorabend einen Plan machen, was du am nächsten Tag erledigen möchtest und dich dann an diesem orientieren. Umso mehr du klar für dich definiert hast, desto weniger kleine Entscheidungen musst du spontan im Laufe deines Tages treffen. Solche Strukturen erzeugen Gefühle von Sicherheit und Kontrolle und dadurch genau das, was aktuell an vielen Stellen fehlt.

 

Dein Körper ist dein Tempel

Dass es eine enge Verbindung zwischen Körper und Geist gibt, wussten nicht nur die alten Yogis, sondern wird auch von moderner Wissenschaft zunehmend bestätigt.1 Es ist nicht unmöglich, während einer Ausnahmesituation, wie einer globalen Pandemie, Einfluss auf das geistige Wohlbefinden zu nehmen. Mitunter aber durchaus herausfordernd. Einfacher ist es da, dich um dein körperliches Wohl zu kümmern. Schon ein altes Sprichwort besagt:

Tu Deinem Leib Gutes, damit Deine Seele Lust hat, darin zu wohnen.

Achte also auf ausreichend Sport und Bewegung, eine ausgewogene Ernährung, viel Wasser und dafür wenig Alkohol, durchschnittlich acht Stunden Schlaf sowie genügend frische Luft. Damit füllst du deine Zeit, von der du möglicherweise gerade mehr hast als üblich, nicht nur mit sinnvollen Dingen, sondern sorgst auch dafür, dich physisch gut zu fühlen.

Schliesslich wird beispielsweise durch Bewegung Stress abgebaut sowie das Glückshormon Serotonin ausgeschüttet.2 Indem du etwa zwei Liter Wasser (oder koffeinfreie Tees) am Tag trinkst, sorgst du dafür, dass deine Zellen ausreichend hydriert bleiben und du dich wach und voller Energie fühlst. Alkohol hingegen greift in deine Gehirnchemie ein und entspannt zwar kurzfristig, verstärkt durch den sogenannten Rebound-Effekt aber ein bis zwei Tage später Angstzustände, Angespanntheit, Sorgen und Depressionen.3

Ein weiterer Tipp: Schränke deinen Medienkonsum ein, insbesondere deinen Nachrichtenkonsum. Es reicht vollkommen, wenn du dich maximal zweimal am Tag über neue Geschehnisse und möglicherweise Regularien informierst. Konstantes Abrufen der Nachrichten sorgt nur dafür, dass du nicht mehr zur Ruhe kommst und deine Gedanken ständig um dasselbe Thema kreisen. Das hindert dich daran, den alltäglichen Anforderungen gerecht zu werden und dich auf die Bereiche zu fokussieren, die du tatsächlich selbst kontrollierst oder zumindest beeinflussen kannst.

 

In Verbundenheit bleiben

Die Aufforderungen der Regierung und Gesundheitsbehörden diesen Winter lauten einstimmig: Kontakte reduzieren und Distanz wahren. Nur so können wir gemeinsam Schlimmstes abwenden und die Pandemie in den Griff bekommen. Leider widerstrebt dies trotz aller Notwendigkeit der tiefen Ur-Sehnsucht des Menschen nach Austausch und Gemeinschaft. Wer ohnehin in der dunklen Jahreszeit mit Niedergeschlagenheit und Verstimmungen zu kämpfen hat, leidet diesen Winter gegebenenfalls noch mehr aufgrund der fehlenden persönlichen Kontakte.

Ein Glück jedoch, dass wir im digitalen Zeitalter leben und auf Video-Chats, Telefon und Nachrichtendienste zurückgreifen können. Das mag vielleicht dauerhaft kein adäquater Ersatz sein, wohl aber für die kommenden Monate. Halte den Kontakt zu Freunden und Familie – tauscht euch aus, plant virtuelle Spieleabende oder Kaffeeklatschs und bleibt in Verbindung. Gemeinsam lassen sich solche Winter am besten überstehen.

Eine weitere Person, mit der du in Verbundenheit bleiben solltest, bist du selbst. Nimm dir immer wieder einen Moment Zeit, um innezuhalten und in dich hineinzuhorchen. Wie geht es dir wirklich? Wonach sehnst du dich? Was würde dir jetzt guttun? Was hast du heute Schönes erlebt? Für was oder wen bist du dankbar? Selbstreflexion und Meditation sind zwei wertvolle Werkzeuge, die dir dabei helfen, dich selbst und deine Bedürfnisse nicht zu vernachlässigen.

 

Das Mindset macht den Unterschied

Als im Frühjahr zum ersten Mal gravierende Einschränkungen und Lockdowns beschlossen wurden, war ein regerechter Tatendrang, fast schon eine Euphorie zu beobachten: Fleissig wurden Bananenbrote gebacken, Online-Fortbildungen absolviert und die Wohnung auf Vordermann gebracht. Aktuell scheint eher eine gewisse Müdigkeit vorzuherrschen.

Und das ist auch vollkommen okay: Wir befinden uns immerhin nach wie vor inmitten einer Pandemie. Das ist eine Ausnahmesituation und muss nicht für jeden eine Chance darstellen. Befreie dich daher von zu hohen Erwartungen: Du musst in diesem Winter keine neue Sprache oder ein neues Instrument lernen, keinen Bestseller schreiben, deine Bauchmuskeln definieren oder ein in der Schublade versunkenes Projekt angehen. Selbstverständlich darfst du, wenn du dich danach fühlst – aber wenn dir der Sinn nach Ruhe, Entspannen und Entschleunigung steht, dann tust du genau das: nichts.

Das Wichtigste ist es jetzt, möglichst gut und unversehrt durch die nächsten Wochen und Monate zu kommen. Was du dazu am dringendsten brauchst, ist das passende Mindset.

Die Wissenschaftlerin May Trude Johnsen hat im Rahmen einer Studie in der norwegischen Stadt Tromsø überraschend herausgefunden, dass sich die lange Dunkelheit der Polarnacht nicht signifikant negativ auf das mentale Wohlbefinden der Bewohner auswirkt.4 Die Ursache dafür liegt wohl in der positiven Einstellung, die die NorwegerInnen zum Winter haben sowie der Gelassenheit, mit der sie ihm gegenübertreten.5

Das lässt vermuten: Wenn es ihnen möglich ist, sich nicht davon beunruhigen zu lassen, zwischen Mitte November und Mitte Januar so gut wie gar kein Tageslicht zu sehen – dann kannst auch du die passende Einstellung finden, um mit einem langen Corona-Winter zurecht zu kommen. An den äusseren Umständen wirst du nicht viel ändern können, wohl aber an deinem persönlichen Mindset.

Mit welcher Einstellung möchtest du durch den Winter gehen? Voller Angst oder voller Zuversicht? Worauf legst du deine Aufmerksamkeit? Versuche, nur die Sorgen zuzulassen, die berechtigt sind – wenn dein Job akut in Gefahr oder die Gesundheit von dir oder einer nahestehenden Person bedroht ist. Meide jedoch spekulative Gedanken. Niemand weiss, wie sich die Situation entwickeln wird und wann wir zur Normalität zurückkehren können – keine PolitikerInnen, keine WissenschaftlerInnen und schon gar nicht deine NachbarInnen oder KollegInnen. Deshalb übe dich in Gelassenheit, Akzeptanz und Dankbarkeit – damit hast du die wichtigsten Zutaten beisammen, die du diesen und jeden anderen Winter brauchst.

Quellen

[1] Hausschild, Jana; Wüstenhagen, Claudia (2013)]. Körper und Seele – nur gemeinsam stark. Zugriff am 07.12.2020 unter zeit.de

[2] Unbekannt (o. J.). Sport gegen Winterdepressionen. Bewegung kurbelt Glückshormone an. Zugriff am 07.12.2020 unter daimler-bkk.com

[3] Dr. Hartl, Thomas (2015): Alkohol und Angst. Zugriff am 07.12.2020 unter meinegesundheit.at

[4] Johnsen, May Trude; Wynn, Rolf et al. (2012). Is there a negative impact of winter on mental distress and sleeping problems in the subarctic: The Tromsø Study. BMC Psychiatry 12, 225. Zugriff am 07.12.2020 unter https://doi.org/10.1186/1471-244X-12-225

[5] Leibowitz, Kari (2016). Wenn die Sonne nicht mehr aufgeht. Zugriff am 12.12.2020 unter zeit.de

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Miriam Sommer

Miriam Sommer

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Miriam arbeitet als freie Autorin und Yogalehrerin. Durch längere Reisen in fremde Länder wuchs ihre Passion für achtsames, bewusstes Leben und Persönlichkeitsentwicklung. Während sie früher geübte Langschläferin war, ist ihr heute der frühe Morgen die liebste Zeit des Tages.

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