Wie unser Biorhythmus den Tag bestimmt

Wie unser Biorhythmus den Tag bestimmt

Wie unser Biorhythmus den Tag bestimmt
Photo by Ingridi Alves Photograph on Unsplash

Bestimmt bist du schon des Öfteren zu deiner üblichen Aufstehzeit aufgewacht, ohne dass du einen Wecker gestellt hast. Oder aber du bist von ganz allein kurz vor dem Klingeln deines Weckers wachgeworden. Das ist in den meisten Fällen kein Zufall, sondern das Resultat des körpereigenen Biorhythmus. Dieser wird im Volksmund auch als innere Uhr bezeichnet und gibt im Tagesverlauf den Takt an. Er bestimmt, wann du schläfst und wann du aktiv bist. Auch das Schwanken von Produktivität und Konzentrationsfähigkeit hat mit dem Biorhythmus zu tun.

Dabei handelt es sich allerdings keineswegs um einen objektiv messbaren Rhythmus, der auf alle Menschen gleichermassen zutrifft. Vielmehr unterliegt er individuellen Schwankungen. Diese lassen sich oft schon im eigenen Umfeld feststellen: Vielleicht kommt eine Freundin von dir morgens ohne grosse Mühe aus dem Bett, hat zur Mittagszeit bereits ihre To-Do-Liste abgearbeitet und ist spätestens ab 22 Uhr hundemüde. Wohingegen du dich am Morgen zwar aus dem Bett quälen musst, dafür aber problemlos bis Mitternacht produktiv sein kannst.

Ein Zusammenspiel von äusseren und inneren Faktoren

Wie genau dein persönlicher Biorhythmus tickt, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Die biologische Komponente bilden die sogenannten Uhrzellen zwischen den beiden Gehirnhälften, die den Tag-und-Nacht-Rhythmus von Säugetieren steuern.1 Während diese nachts still sind, sind sie tagsüber durchgehend elektrisch aktiviert. In der Früh werden zudem die beiden Hormone Adrenalin und Cortisol ausgestossen, die dir dabei helfen, wach zu werden und in die Gänge zu kommen. Abends wird hingegen Melatonin, das Schlafhormon, in Umlauf gebracht. Der menschliche Biorhythmus wird in der Wissenschaft auch als zirkadianer Rhythmus bezeichnet, da er ziemlich genau 24 Stunden bzw. einen Tag lang ist und Einfluss auf verschiedene Funktionen des Organismus hat (z.B. Schlaf, Körpertemperatur, Hormonproduktion).

Der Mensch hat sich zu einem frühen Zeitpunkt in seiner Evolution dazu entschieden, ein tagaktives Wesen zu werden. Unser Körper hat sich folglich darauf eingestellt und sendet tagsüber andere chemische Reaktionen als nachts. Durch Gewohnheiten kannst du trotzdem Einfluss auf deinen Biorhythmus nehmen. Wenn du regelmässig zu einer bestimmten Uhrzeit schlafen gehst bzw. aufstehst, kannst du dich entsprechend programmieren. Du gewöhnst dich an diese Zeiten und es wird dir schwerfallen, deutlich früher einzuschlafen oder aufzustehen. Darüber hinaus hat dein Biorhythmus nicht nur einen Einfluss auf dein Schlafverhalten, sondern auch auf dein Energielevel, deine Produktivität und deine Stimmungen im Tagesverlauf.

Lerchen vs. Eulen: Gibt es nachtaktive Menschen?

Obwohl es in der Wissenschaft unumstritten ist, dass der Mensch ein tagaktives Säugetier ist, gibt es viele Menschen, die sich als nachtaktiv bezeichnen. Dies kann natürlich nicht in der vollen Konsequenz der Fall sein, da oben beschriebene biologische Faktoren grundsätzlich für alle Menschen gelten. Tagesschlaf ist nie gleichermassen erholsam wie der nächtliche Schlaf. Neben der biologischen Programmierung aus Uhrzeiten spielen dabei auch die Helligkeit, der Geräuschpegel sowie die höhere Aussentemperatur eine Rolle. Trotzdem kann nicht abgestritten werden, dass eine Anpassung an einen individuellen Tages- und Schlafrhythmus zu einem gewissen Grad möglich ist.2

Die Chronobiologie hat dazu zwei grundlegende Kerntypen definiert: die Lerchen und Eulen. Bei den Lerchen handelt es sich um Menschen, die insbesondere in den Morgenstunden aktiv, konzentriert, produktiv und kreativ sind. Abends werden sie hingegen früher unkonzentriert und müde als die Eulen, die sogenannten Abendmenschen. Diese brauchen zwar morgens länger, um aufzublühen, können aber abends nochmal Konzentration finden und Dinge abarbeiten. Was beide Typen gemeinsam haben, ist ein etwa zweistündiges Mittagstief zwischen 13 und 15 Uhr.3

Sind Frühaufsteher die besseren Mitarbeiter?

Die Schwierigkeit an individuellen Biorhythmen ist, dass die äussere Arbeitswelt nur begrenzt Rücksicht auf diese nimmt. Als Morgenmensch hat man es dabei in den meisten Berufen deutlich leichter, sich an Arbeitszeiten und Rahmenbedingungen anzupassen: Wenn dir das frühe Aufstehen im Blut liegt, ist es keine grosse Herausforderung, um acht Uhr am Schreibtisch zu sitzen. Sogenannte Eulen brauchen länger, um zur Hochform aufzulaufen, können dann aber keine merklich geringere Leistung erbringen.

Einen Vorteil haben Abendmenschen dafür im Spätdienst. Sie werden später müde und können länger konzentriert arbeiten. Woran sich aus biologischen Gründen weder Eulen noch Lerchen je vollständig gewöhnen können, ist die Nachtschicht – die widerspricht dem menschlichen tagaktiven Wesen. Grundsätzlich ignoriert auch Schichtarbeit die Bedürfnisse der inneren Uhr. Denn diese liebt Regelmässigkeit und Routinen. Arbeitest du im Wechsel mal tagsüber, mal abends und mal nachts, muss sich dein System ständig neu ausrichten und einpendeln – das entzieht deinem Körper unheimlich viel Energie.

Ganz unabhängig von der Arbeitszeit unterliegen alle Menschen dem US-Schlafforscher Nathaniel Kleitmann zufolge dem sogenannten Basic Rest Activity Cycle (BRAC).4 Demnach durchläuft der menschliche Körper regelmässige Schwankungen der Leistungsfähigkeit. Alle 90 bis 100 Minuten wirst du müde und benötigst eine kurze Pause – sichtbar ist das vor allem im Schul- und Universitätsalltag, wo Unterrichtseinheiten nie länger als 90 Minuten dauern. Zusätzlich benötigst du alle vier Stunden längere Erholungspausen.

Lebe mit deinem Biorhythmus, nicht gegen ihn

Es ist nicht immer möglich, in vollem Umfang Einfluss auf die äusseren, dich bestimmenden Faktoren zu nehmen. Dennoch ist es hilfreich, deinen persönlichen Biorhythmus zu verstehen, um dieses Wissen für die Ausrichtung deiner Tagesplanung nutzen zu können. Wenn du deine Arbeitszeiten nicht ändern kannst, so kannst du immerhin gewisse Aufgaben in die Tagesabschnitte legen, in denen sie dir besonders leichtfallen. In unkonzentrierten Zeiten kannst du gut Dinge abarbeiten, die nicht besonders viel Aufmerksamkeit verlangen. Anspruchsvollere Tätigkeiten legst du besser in die Abschnitte, in denen du leistungs- und konzentrationsfähig bist. Und natürlich ganz wichtig: Nimm dir regelmässige, bewusste Pausen – wenigstens für ein paar Minuten. So schaffst du es, alles Wichtige zu erledigen und gleichzeitig in Einklang mit deinem Körper zu bleiben.

Dazu musst du deinen eigenen Biorhythmus natürlich erst einmal verstehen lernen. Das geht mit einer intensiven Selbstreflexion. Beobachte dich über mehrere Wochen hinweg: Wann bist du müde? Wann kannst du konzentriert arbeiten? Wann hast du ein starkes Bedürfnis nach Süssigkeiten oder Kaffee? Wann bist du lustlos? Wann bist du voller Energie? Führe am besten ein Tagebuch über deine Erkenntnisse. Aus diesen kannst du anschliessend deine persönliche Leistungskurve ableiten – welche natürlich nie in Stein gemeisselt ist, da du nicht nur einen Tagesrhythmus durchläufst, sondern auch sämtliche andere Zyklen wie die Jahreszeiten oder den weiblichen Zyklus. Dein Körper sendet dir jederzeit Signale, bei denen es gilt, ihnen zuzuhören. Nur so kannst du deinen Tag entsprechend gestalten und das meiste aus ihm herausholen.

Quellen

 

[1] Humboldt Universität zu Berlin (o.J.): Molekularer Mechanismus des circadianen Oszillators in Säugern. Zugriff am 30.06.2020 unter https://www.biologie.hu-berlin.de/en/gruppenseiten-en/sfb618/archive/projects/period1/projecta4

 

[2] Weber, Andreas (2005): Die unerbittliche innere Uhr. Zugriff am 30.06.2020 unter https://www.geo.de/wissen/13369-rtkl-biorhythmus-die-unerbittliche-innere-uhr

 

[3] Mai, Jochen (2019): Biorhythmus: Tipps, wie Sie Ihre Tagesform erkennen. Zugriff am 30.06.2020 unter https://karrierebibel.de/biorhythmus/

 

[4] Katsidou, Osia (2017): Warum Sie alle 90 Minuten Pause machen sollten. Zugriff am 30.06.2020 unter https://www.wiwo.de/erfolg/bessere-leistung-durch-ruhephasen-warum-sie-alle-90-minuten-pause-machen-sollten/19231212.html

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Miriam Sommer

Miriam Sommer

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Miriam arbeitet als freie Autorin und Yogalehrerin. Durch längere Reisen in fremde Länder wuchs ihre Passion für achtsames, bewusstes Leben und Persönlichkeitsentwicklung. Während sie früher geübte Langschläferin war, ist ihr heute der frühe Morgen die liebste Zeit des Tages.

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