Weniger ist mehr – wie Minimalismus für mehr Wohlgefühl sorgt

Weniger ist mehr – wie Minimalismus für mehr Wohlgefühl sorgt

Was soll ich nur anziehen? Dein Blick fällt in einen vollen Kleiderschrank. Und was soll ich heute eigentlich frühstücken? Auch der Kühlschrank ist voll. Du fühlst dich überfordert. Die Auswahl ist scheinbar so gross und doch greifst du letztlich wieder zu dem, was du immer anziehst, und zu dem, was du immer frühstückst. Zu viele Wahlmöglichkeiten lähmen dich und im Überfluss der Dinge bist du entscheidungsmüde geworden. Dein Leben wird erschwert von dieser Masse, die dich umgibt und die dich ständig vor die Qual der Wahl stellt.

Grundsätzlich stellt sich also die Frage: Was brauche ich eigentlich wirklich? Welche der Dinge, die ich so zahlreich um mich schare, sind wirklich nötig? Die Beantwortung dieser Fragen ist auch der Kern des Minimalismus. Denn dabei geht es um das Erkennen jener Dinge, die dir wichtig sind, und um das Loslassen von denen, die dich nur belasten. Dieses Bewusstwerden führt letztlich zu einer neuen Wertschätzung der Dinge, mit denen du dich umgibst. Minimalismus bedeutet daher nicht, dass du nichts mehr haben oder besitzen sollst. Sein Ziel ist vielmehr eine Reduktion und Konzentration auf das Wesentliche und Wertvolle.

 

Der Beginn des Minimalismus

Seine Anfänge nahm der Minimalismus in der Architektur der 1920er und 1930er-Jahre. Alles Unnötige, wie Pomp oder Ornamente, sollten weggelassen werden, klare Linien und schlichte Formen dagegen vorherrschen. Ludwig Mies van der Rohe, bekannter Architekt der Moderne, prägte schon das Credo less is more (= weniger ist mehr). Und auch im Design und in der Kunst wurde diese Reduktion auf das Einfache schliesslich immer mehr gefordert und so wurde die sogenannte Minimal Art in den 1960er-Jahren zum Programm.

Von Architektur und Kunst schwappte der Minimalismus auch in die Gesellschaft über, entwickelte sich in den 2010er-Jahren weiter zu einem wahren Lifestyle. In den letzten Jahren ist der Minimalismus immer mehr in den öffentlichen Fokus gerückt, wurde zum Thema von zahlreichen Büchern und Blogs, zum angesagten Trend in den Sozialen Medien. Minimalismus ist einfach in.

Weniger ist mehr etablierte sich zum Slogan einer Bewegung, die aus der konsumorientierten Überflussgesellschaft ausbrechen und sich dem Materialismus bewusst entgegenstellen will. Minimalisten hinterfragen die Mentalität und das achtlose Shopping- und Konsumverhalten unserer Wegwerfgesellschaft und widmen sich vermehrt Themen wie Nachhaltigkeit und Achtsamkeit. So sind beispielsweise Produkte, die zu Billigpreisen verkauft und unter menschlich und ökologisch fragwürdigen Bedingungen hergestellt werden, für viele Minimalisten tabu.

 

Gründe für Minimalismus

Die Gründe, sich dem Minimalismus zuzuwenden, sind vielfältig und individuell. Der Auslöser ist für viele jedoch die plötzliche Erkenntnis, dass ein Zuviel an Dingen nicht nur Energie, sondern auch Zeit raubt. So manch einem wird auch bewusst, dass er/sie mit der Anhäufung von Dingen nur eine innere Leere zu füllen versucht. Kurzfristig machen dich die neuen Sachen, die du gerade erstanden hast, zwar glücklich, doch erlischt dieses Glücksgefühl bald wieder. Die Leere aber bleibt. Und das macht unzufrieden.

Gerade die Weihnachtszeit ist häufig von Konsum geprägt. Angebote und Schnäppchen locken überall und wir lassen uns von dem Glauben unter Druck setzen, dass jeder ein Geschenk erwartet. So kommt es auch dazu, dass oft Unnötiges gekauft und verschenkt wird. Natürlich meint man es damit nur gut, tut dem Beschenkten aber oftmals keinen Gefallen. Wenn du minimalistischer leben und bewusster mit dem Konsumzwang umgehen möchtest, erkläre dies deinem Umfeld am besten frühzeitig. Sag konkret, was du dir zu Weihnachten wünschst – vielleicht ist es ja einfach nur mehr Zeit mit deinen Liebsten. So ersparst du ihnen den Einkaufsstress und dir weitere Dinge, die du nicht brauchst.

Rund 10‘000 Dinge besitzen Menschen in Europa übrigens im Durchschnitt.1 Viele davon haben keinen materiellen Wert, oft nicht mal einen emotionalen. Manche Dinge haben sich im Laufe der Jahre so angesammelt, sind eben einfach da, nehmen Platz weg und kosten auch noch deine Zeit. Du musst dich um sie kümmern, sie reparieren, sie sauber halten, vielleicht oft sogar suchen. Morgens weisst du nicht, was du anziehen sollst, obwohl der Schrank überquillt. Um Staubwischen zu können, musst du erst Unmengen von Dekoartikeln aus den Regalen entfernen. Gehörst du vielleicht auch zu denen, die eigentlich überflüssige Sachen aufheben, weil man sie ja vielleicht irgendwann einmal wieder gebrauchen könnte?

 

Ballast abwerfen

Vielen von uns geht es so, dass sie in einer Masse an Dingen geradezu versinken. Und diese Masse hindert dich daran, deine eigene, innere Stimme überhaupt noch zu hören. Überfluss kann dich belasten und von dem ablenken, was wichtig ist. Vielleicht kennst du das ja auch –das äusserliche Chaos spiegelt sich auch in deinem Inneren wider. Viel zu oft besitzen nicht wir die Dinge, sondern sie besitzen uns.

Reduzierst du all diese Dinge aber auf das Wesentliche, kannst du sie nicht nur mehr wertschätzen, du gewinnst durch den bewussten Verzicht auch wieder mehr Zeit. Zeit für Hobbies, für die Familie, für dich.

Oft wird Minimalismus gleichgesetzt mit Entrümpeln und Ausmisten. Und tatsächlich bedeutet Minimalismus auch Loslassen. Du trennst dich von materiellen Gütern, oft aber auch von alten Glaubenssätzen, einschränkenden Emotionen, manchmal auch von Menschen, die dir nicht mehr guttun. Du wirfst Ballast ab und gewinnst mehr Leichtigkeit und Freiheit.

Die Vorteile des Minimalismus liegen klar auf der Hand. Er ist eine Alternative für weniger Stress und mehr Lebensqualität. Denn dieser Lebensstil bringt dir insgesamt mehr

  • Zeit
  • Ruhe
  • Ordnung und Organisation
  • Raum
  • Fokus

 

Einstieg in den Minimalismus

Wenn du den Weg in ein minimalistisches Leben gehen willst, musst du tatsächlich erst einmal Zeit und auch Aufwand einplanen. Es geht nicht darum, dass du all deine Habseligkeiten von jetzt auf gleich wegwirfst. Hinterfrage vielmehr immer den Wert, den sie für dich haben.

Stelle dir also folgende Fragen:

  • Brauche oder gebrauche ich diesen Gegenstand wirklich?
  • Macht er mich glücklich oder verbessert er mein Leben?
  • Habe ich diesen Gegenstand vielleicht in mehrfacher Ausführung und nimmt dieser nur mehr Platz weg?

Auf diese Weise solltest du übrigens nicht nur die Dinge hinterfragen, die du bereits besitzt, sondern auch die, die du neu kaufen willst. Du willst dich schliesslich nicht nur von unnötigen Dingen trennen, sondern auch keine unnötigen Dinge mehr kaufen. Reduziere deinen Konsum ganz bewusst.

 

Dein Leben entrümpeln

Es gibt unzählige Ratgeber, die dir Tipps geben, wie du dein Leben am besten entrümpeln kannst. Ein Klassiker darunter ist Marie Kondos Buch Magic Cleaning – Wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert. Die japanische Aufräumexpertin erklärt darin, wie man das Gerümpel am effektivsten und zudem nachhaltig aus seinem Leben verbannt.

Ihre Strategie lautet: Immer nach Kategorien von Dingen aufräumen und nicht Raum für Raum oder Schrank für Schrank. Und Marie Kondo gibt sogar die Reihenfolge vor, in der du die Kategorien in Angriff nehmen solltest: Kleidung, Bücher, Papiere, Kleinkram, Erinnerungsstücke. Du arbeitest dich so zuerst durch die Dinge, die dir nicht so viel bedeuten und nimmst dir zuletzt die vor, an denen du besonders hängst.

Sie rät ausserdem dazu, das Aufräumen möglichst zügig durchzuziehen. Dann nämlich stellt sich schnell der Effekt ein, dass man ein ganz neues Bild von seinem Zuhause in einem ungewohnt ordentlichen Zustand bekommt. Die Aufräumexpertin nennt das einen „heilsam-positiven Schock der Ordnung“2, der zu einem Bewusstseinswandel führt. So soll es immer aussehen!

Es geht immer darum, dass du das Überflüssige erkennst und entsorgst. Und Entsorgen bedeutet nicht, dass du die Dinge einfach auf den Müll wirfst. Vieles kann noch gespendet, verkauft oder verschenkt werden. Den Dingen, die du nicht entsorgst, weist du am besten einen festen Platz in deinem Haushalt zu. So lässt sich vermeiden, dass wieder Unordnung aufkommt.

Mittlerweile gibt es zahlreiche Challenges und Games, die den Einstieg in den Minimalismus erleichtern. Bei sogenannten 30-Tage-Challenges wird dir einen Monat lang jeden Tag eine Aufgabe gestellt, die du zu erledigen hast. Sortiere beispielsweise deine Unterlagen aus oder widme dich deiner Make-Up-Sammlung. Oder du sortierst jeden Tag eine bestimmte Menge an Dingen aus, die weg können: Tag 1, 1 Ding; Tag 2, 2 Dinge, Tag 3, 3 Dinge usw. Am Ende des Monats ist auf diese Weise eine ganz schöne Menge verschwunden.

Um zu vermeiden, dass sich erneut zu viele Sachen in dein Leben und deine Wohnung schleichen, kannst du diese Challenges übrigens immer mal wieder durchführen.

 

Minimalismus – individuell und persönlich

Minimalismus ist ganz individuell auslegbar. Er bedeutet nicht, dass du alles aufgibst und weggibst. Minimalismus kann bedeuten, dass du so wenig wie möglich besitzt, er kann aber auch bedeuten, dass du belastende Gewohnheiten aufgibst oder nachhaltig lebst und weniger Müll produzierst. Vor allem aber geht es beim Minimalismus um das Reduzieren von Unnötigem und von Ballast. Auf diese Weise kannst du mehr Lebensqualität gewinnen.

Findest du das auch und möchtest deswegen minimalistischer leben? Hast du vielleicht schon angefangen, dein Leben zu entrümpeln und wie geht es dir dabei?

Quellen

[1] Amberger, Madeleine (2014). Unser Leben platzt aus allen Nähten. Zugriff am 05.12.2020 unter srf.ch

[2] Kondo, Marie (2013). Magic Cleaning – Wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert. Hamburg: Rowohlt.

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Dr. phil. Jessica Koch

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Die promovierte Literaturwissenschaftlerin arbeitet als freie Autorin und Texterin. Zusammen mit Mann und Stieftochter lebt sie in Wuppertal – nur ein Hund fehlt noch um das Glück perfekt zu machen. Jessica reist gerne und beschäftigt sich beruflich und privat mit Kunst und Kunstgeschichte(n). Momentan experimentiert sie mit den unterschiedlichsten Morgenroutinen und ist auf der Suche nach der perfekten Routine für ihren besten Start in den Tag.

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