Selbstoptimierung – Wann ist besser zu viel?

Selbstoptimierung – Wann ist besser zu viel?

Selbstoptimierung Grenzen
Photo by Marten Newhall on Unsplash

Gerade zu Beginn eines neuen Jahres nehmen wir uns gerne viel vor, fassen Vorsätze und schmieden Pläne. Der 1. Januar ist für viele ein Stichtag: Ab jetzt verändere und verbessere ich mich und mein Leben. Erfolgreicher und produktiver werden, nachhaltiger leben, gesünder essen und mehr Sport treiben – den meisten von uns fällt sicherlich sofort mindestens ein Lebensbereich ein, in dem wir uns verbessern wollen. Geht es dir auch so?

Dieses besser werden lässt sich mit dem Begriff Selbstoptimierung umschreiben und deren grundlegende Idee ist es, das eigene Ich noch zu verbessern, sich wohlzufühlen und mit sich selbst zufriedener zu sein. Der Prozess der Selbstoptimierung stellt somit ein Ziel in Aussicht, das erstrebenswert ist. Doch führt der Weg zur besseren Version seiner selbst leider manchmal auch in die Irre und in einen regelrechten Selbstoptimierungswahn. Alles muss sich ändern, soll nicht nur besser, sondern perfekt werden. Damit du nicht in diesem Hamsterrad aus Stress und Druck landest, möchte ich mit dir zusammen einen Blick auf die positiven, aber auch auf die negativen Aspekte der Selbstoptimierung werfen.

 

Gegen den Selbstoptimierungswahn und für die Weiterentwicklung

Der Wunsch zu wachsen und sich persönlich weiterzuentwickeln ist grundsätzlich sehr positiv. Es spricht vieles dafür, dass du an dir selbst arbeitest, Aspekte deines Lebens verbesserst und dich weiterbildest. Veränderung ist etwas Gutes, denn sie trägt ja immer die Chance auf Verbesserung in sich. Ohne sie würdest du kontinuierlich auf der Stelle treten, nie vorankommen. Stillstand ist Rückschritt, oder, wie es der deutsche Politiker und Unternehmer Philip Rosenthal einst formulierte:

Wer aufhört, besser zu werden, hat aufgehört, gut zu sein.

Wenn du dich persönlich oder beruflich weiterentwickeln kannst, fühlst du dich wahrscheinlich sogar zufriedener. Du bewegst dich fort, erreichst etwas und spornst dich so selbst noch weiter an. Sich verbessern zu wollen und sich Ziele zu setzen, motiviert und sorgt für ein aktiveres und erfüllteres Leben.

Der Wunsch zur Selbstoptimierung muss aber immer aus dir selbst heraus entspringen. Wenn du meinst, du müsstest dich ändern, weil du nicht genug bist oder weil du einem vermeintlichen gesellschaftlichen Standard nicht genügst, ist das der falsche Antrieb. Leider geschieht dies aber oft. Denn wir leben in einer Gesellschaft, die uns dazu auffordert, immer das Maximum aus uns herauszuholen. Uns wird suggeriert, dass wir hinter unseren Möglichkeiten bleiben und dies unbedingt ändern sollten. Da geht doch noch was! So lautet das Motto unserer Zeit. Gut zu sein reicht scheinbar nicht mehr aus – das Ziel ist es, immer besser zu werden. Diese Erwartungen erzeugen bei vielen einen grossen Druck und führen in einen Selbstoptimierungswahn. Das hat nichts mehr mit deinen eigenen Wünschen nach Veränderung und Verbesserung zu tun. Vielmehr strebst du nun eine Selbstoptimierung an, weil du Angst hast, dass du so, wie du bist, nicht genug bist, dass du zu normal und durchschnittlich bist. Du befürchtest, dein Potential einfach nicht genügend auszuschöpfen und bemühst dich krampfhaft, dies zu ändern. Selbstoptimierung aber sollte eine positive Weiterentwicklung sein, die du für dich selbst in Angriff nimmst. Du möchtest wachsen, weil du es willst und nicht, weil du meinst, dein Umfeld erwartet das von dir.

 

Kenne deine Stärken und fördere sie

Einmal gefangen im Selbstoptimierungswahn richtet sich dein Augenmerk vermehrt auf deine Defizite, die du unbedingt ausmerzen willst. Um zu wachsen, musst du dir aber deiner Stärken bewusstwerden und diese fördern. Arbeite mit dem, was dir mitgegeben wurde, was du schon hast. Bei der persönlichen Weiterentwicklung, zu der man einen konstruktiven Selbstoptimierungsprozess zählen kann, stehen deine Stärken im Fokus, deine Schwächen dagegen gilt es zu akzeptieren. Auch sie gehören zu deiner Persönlichkeit, nimm sie also an. Erst so kannst du entspannt mit ihnen umgehen. Oft ist es auch so, dass deine Stärken und Schwächen zwei Seiten einer Medaille sind. Bist du beispielsweise introvertiert und hältst nicht gerne Reden, so bist du aber vielleicht ein sehr guter Zuhörer und aufmerksamer Beobachter. Anstatt dich nun darauf zu fokussieren, unbedingt deine angebliche Schwäche zu verbessern und dich dabei unter Druck zu setzen, konzentriere dich lieber auf deine Stärke und baue noch weiter darauf auf. Wenn du dein Augenmerk nur noch darauflegst, deine Schwachstelle zu verbessern, riskierst du zugleich deine Stärken zu schwächen.

Tipp: Wenn du dich selbst, deine Stärken und deine Schwächen in einer Bestandsaufnahme analysierst, sei nicht zu hart zu dir selbst. Deine Freunde betrachtest du doch auch mit Liebe und Nachsicht – sehe dich aus denselben Augen an. Frage doch mal deine Freunde, welche Stärken oder auch Schwächen sie dir zuschreiben. Der Blick von aussen kann oft Interessantes offenbaren!

 

Grundlagen der persönlichen Weiterentwicklung

Die Selbstakzeptanz deiner Stärken und Schwächen ist eine von drei Grundlagen1, auf denen das persönliche Wachstum beruht – auch wenn das nun erst einmal merkwürdig klingt. Schliesslich willst du dich ja verbessern, etwas verändern. Dennoch ist es wichtig, dass du dich so annimmst, wie du gerade bist, bevor du deinen Selbstoptimierungs- und Entwicklungsprozess bewusst angehst. Sich weiterzuentwickeln bedeutet nämlich nicht, dass du wie jemand anderes wirst. Du bleibst du, nur besser.

Vor der Selbstakzeptanz steht als erster Schritt und als Grundlage deiner persönlichen Weiterentwicklung aber noch die sogenannte Selbsterkenntnis. Unterzieh dein Leben und dich selbst einer Art Bestandsaufnahme und kläre für dich, was du optimieren möchtest und warum. In welchem Bereich möchtest du wachsen? Lege dir deine Ziele dann genau fest. Mit einem konkreten Ziel vor Augen kannst du schliesslich den letzten Schritt in Richtung deiner Weiterentwicklung gehen und den Prozess der Selbstveränderung starten. Wo soll meine Entwicklung hinführen und welche Strategien sind vonnöten, um dort anzukommen? Ein positiver Aspekt des Selbstoptimierungsprozess ist, dass du dich zu Beginn selbst sehr gut kennenlernen und besser verstehen kannst. Diese Achtsamkeit dir selbst gegenüber sollte dich auf deinem Weg auch weiterhin begleiten. Selbstoptimierung funktioniert nur, wenn du realistisch bleibst und dir deiner individuellen Möglichkeiten bewusstwirst. Sind die Voraussetzungen gegeben und deine Ziele erreichbar?

Der Weg zu deinem besseren Selbst wird lang sein und zeitweise vielleicht auch anstrengend. Deswegen ist es am besten, wenn du ihn dir in Etappen und dir nicht zu viel auf einmal vornimmst. Unterteile dein grosses Ziel also am besten in mehrere kleine Schritte und lege kurz-, mittel- sowie langfristige Ziele fest. Auf diese Weise erlebst du zwischendurch immer wieder Erfolge, die dich motivieren weiterzumachen.

 

Höher, schneller, weiter – Die Schattenseiten der Selbstoptimierung

Selbstoptimierung wird dann kontraproduktiv, wenn sie in den bereits beschriebenen Wahn übergeht. Schuld an diesem Selbstoptimierungswahn sind verschiedene Gründe:

  • Druck von aussen: Du hast das Gefühl, andere verlangen von dir, dich zu ändern
  • Du eiferst einem falschen Vorbild nach, das du in den Sozialen Medien gesehen hast
  • Du strebst nach Perfektion in allen Lebensbereichen

Häufig vergleichen wir uns mit Trugbildern eines idealen Lebens, das uns von den sozialen Medien vorgespiegelt wird. Wir fühlen gar einen Zwang, da mithalten zu müssen und eifern so einem Ziel hinterher, das eigentlich gar nicht unseres ist. Zwischen Wunsch und Wirklichkeit liegt ein Graben, der nicht überwunden werden kann. Leicht verfangen wir uns dabei in einer Endlosschleife und bekommen das Gefühl, nie da anzukommen, wo wir eigentlich hinwollen. Oder anders formuliert: Ein Ziel ist erreicht und schon steht das nächste an. Die Ansprüche an uns selbst werden dabei immer höher und wir vergessen, was wir schon erreicht haben, können damit nicht zufrieden sein. Die Arbeit an uns selbst macht dann einfach nicht mehr glücklich, da sie nie zum angestrebten Ziel führt. Du hast das bedrückende Gefühl, die beste Version deiner Selbst niemals zu erreichen. Selbstoptimierung soll zu einem besseren Leben führen, doch erreicht so das Gegenteil. Denn der Wunsch, sich verbessern zu wollen, sorgt dann für Überforderung und wird zu einer Belastung.

Damit dies nicht passiert, sei dir einer Sache bewusst: Du bist gut so wie du jetzt schon bist. Selbstoptimierung kann ein Teil deines persönlichen Wachstums und deiner Weiterentwicklung sein. Der Prozess sollte aber nicht von Zwang, Leistungsdruck, Konkurrenzdenken oder dem Streben nach Perfektion bestimmt werden. Selbstoptimierungswahn hat nichts mit persönlichem Wachstum zu tun. Denn er bringt dich nicht weiter und bestimmt nicht an dein Ziel eines glücklichen und zufriedenen Selbst.

Lass dich nicht vom Selbstoptimierungswahn anstecken – niemand ist perfekt und du musst es auch nicht sein. Konzentriere dich stattdessen auf deine persönliche Weiterentwicklung und deine individuellen Ziele. Dieser Prozess kann dich dann körperlich, mental oder emotional weiterbringen. Du kannst nicht nur deine Gesundheit und Fitness verbessern, sondern auch neue Fähigkeiten erlernen oder innere Balance finden. Das sind nur einige Beispiele der positiven Selbstoptimierung. Wohin möchtest du dich entwickeln?

Quelle

[1] Mai, Jochen (2020). Persönlichkeitsentwicklung: Das steckt alles in Ihnen. Zugriff am 09.01.2021 unter karrierebibel.de

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Dr. phil. Jessica Koch

Dr. phil. Jessica Koch

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Die promovierte Literaturwissenschaftlerin arbeitet als freie Autorin und Texterin. Zusammen mit Mann und Stieftochter lebt sie in Wuppertal – nur ein Hund fehlt noch um das Glück perfekt zu machen. Jessica reist gerne und beschäftigt sich beruflich und privat mit Kunst und Kunstgeschichte(n). Momentan experimentiert sie mit den unterschiedlichsten Morgenroutinen und ist auf der Suche nach der perfekten Routine für ihren besten Start in den Tag.

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