Rückzug und Loslassen: Der Herbst aus Sicht von TCM & Ayurveda

Rückzug und Loslassen: Der Herbst aus Sicht von TCM & Ayurveda

Herbst aus TCM Ayurveda Sicht
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Wenn du dich fragst, worum es im Herbst geht, musst du eigentlich nur einen Blick in die Natur werfen: Die Ernte wird eingefahren, Tiere suchen sich einen Schlupfort für den bevorstehenden Winter, die Blätter der Bäume verfärben sich, vertrocknen und fallen schlussendlich ab. Bäume und Pflanzen verlagern ihre Energie Schritt für Schritt zurück ins Erdreich – zurück in die Wurzeln und Keime, um zu regenerieren. Es geht um die Anerkennung der Schönheit des Wandels, um Rückzug und ums Loslassen.

In der Philosophie der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) läutet der Herbst den Beginn der Yin-Zeit ein, er wird im Jahreszyklus als das kleine Yin bezeichnet. Die ruhigeren Yin-Kräfte werden stärker, während die aktiven Yang-Kräfte abnehmen. In der Natur ist dies eindrucksvoll zu beobachten und auch uns Menschen hilft es, uns immer wieder an diesen natürlichen Verlauf der Jahreszeiten zu erinnern. Nach einem lebendigen Sommer lädt der Herbst dazu ein, den Blick von aussen wieder zunehmend nach innen zu lenken. Dabei spielt auch das Thema Abschiednehmen eine Rolle.

 

In der TCM steht der Herbst im Zeichen des Elementes Metall

Die TCM ordnet jede Jahreszeit einem der fünf Elemente zu. Der Herbst wird mit dem Element Metall in Verbindung gebracht – ein Element, dass in den hiesigen Breitengraden eher unbekannt ist. Metalle machen einen wesentlichen Teil des Erdkerns aus und finden sich in Erzen und Mineralien. Die mit diesem Element verbundenen Qualitäten aus Sicht der alten chinesischen Philosophie sind Ordnung, Regelmässigkeit, Stabilität und Klarheit. Metall gilt als strukturgebend und konzentrierend. Wenn die Blätter gefallen sind, wird die darunterliegende Struktur und Form der Äste und Zweige erst so richtig sichtbar.

Die Metall-Energie hilft dir, dich abzugrenzen und eine innere Ordnung herzustellen. Sie unterstützt dich dabei, Wesentliches von Unwesentlichem zu trennen und dich von Altlasten zu befreien – nicht nur in der eigenen Wohnung, sondern auch auf mentaler Ebene. Durch das Loslassen und Aussortieren, das mit dem Metall einhergeht, kann Raum für Neues entstehen. Du schaffst Platz für einen neuen Samen, der über den Winter reifen und im Frühling spriessen darf.

Der Herbst ist dadurch auch eine gute Zeit für eine Reinigungskur. Zudem wird die Emotion Trauer dem Element Metall zugeordnet – in einem positiven Sinne. Wenn du dir die Zeit für die Verarbeitung von Vergangenem nimmst, wirst du innerlich freier und löst dich von dem, was dich belastet. Übrig bleibt das Beständige, Dauerhafte. Metall steht auch für Rhythmus: Du lässt Altes los und lässt Neues entstehen. So wie die Bäume die Blätterpracht des Sommers abwerfen, um im kommenden Frühjahr neue Blätter zu bilden.

 

Fokus auf Lunge, Dickdarm und Haut

Jedem Element sind in der TCM-Lehre bestimmte Organe zugeordnet, beim Metall sind es die Lunge und der Dickdarm. Ausserdem wird die Haut (und Schleimhäute) mit dem Metall in Verbindung gebracht. Ein grosser Fokus im Herbst liegt also auf genau diesen Organen.

Lunge, Dickdarm und Haut sind allesamt rhythmische Organe: Sie nehmen auf und geben ab. Frische Lebensenergie, in der TCM Qi (oder Chi) genannt, wird aus Atem, Nahrung und Sonneneinstrahlung aufgenommen und verbrauchte Energie anschliessend abgegeben. Pflanzen nehmen dann das CO² auf und wandeln es wieder in Sauerstoff um – ein ewiger Kreislauf, bei dem du in direktem Austausch und in Verbindung mit deiner Umwelt stehst.

Austausch, Verbindung, aber auch Abgrenzung sind daher Themen, die den Metall-Organen zugesprochen werden und dementsprechend im Herbst besonders präsent sind. Zudem spielt insbesondere der Dickdarm eine grosse Rolle für dein Immunsystem, welches es in der kühleren Jahreszeit besonders zu stärken gilt. Atemwegserkrankungen und Hautprobleme können auf eine unausgeglichene Metall-Energie hindeuten.

 

Herbst aus ayurvedischer Sicht – Die luftige Jahreszeit

Auch im Ayurveda werden Jahreszeiten den Elementen bzw. einem der drei Doshas zugeordnet. Im Herbst dominiert aus ayurvedischer Sicht das Vata-Dosha, also die Elemente Luft und Raum. Nach einem heissen Sommer kann zunächst bei dem ein oder anderen auch das Pitta-Dosha, das feurige Dosha, noch im Überschuss sein.

Vata ist ein trockenes, rauhes, kühles, bewegtes, aber auch klares Dosha. Schliesslich ist die Luft hier das zentrale Element – im Herbst vor allem durch kräftige Winde wahrnehmbar. Auch dein Geist mag sich daher im Herbst vielleicht recht aufgewühlt anfühlen. Im Ayurveda geht es immer darum, ein Gleichgewicht aller Doshas anzustreben. Daher solltest du im Herbst verstärkt darauf achten, dein Vata auszugleichen und in Balance zu bringen.

 

Praktische Tipps: So kommst du gut durch den Herbst

Auch wenn es durch häufigen Regen nicht immer den Anschein haben mag, gilt der Herbst als trockene Jahreszeit. Nicht nur Vatasteht für Trockenheit, sondern auch das Element Metall. Deshalb ist es jetzt umso wichtiger, dass du ausreichend Wasser trinkst. Um der trockenen Heizungsluft entgegenzuwirken empfiehlt es sich ausserdem, ein Schälchen Wasser auf die Heizung zu stellen oder anderweitig deine Räume zu befeuchten.

Die TCM empfiehlt im Herbst Lebensmittel, die wärmen und kräftigen. Dazu zählen zum Beispiel scharfe Gerichte mit Ingwer und Chili. Um ayurvedisch betrachtet das Vata auszubalancieren, sind ebenfalls nahrhafte, erdende und ölige Speisen sinnvoll. Du kannst dich dazu auch gut an dem orientieren, was gerade Saison hat: Wurzelgemüse wie Kürbis, Karotten, Kartoffeln und verschiedene Kohlsorten.

Um das Vata-Dosha zu reduzieren und deinen Geist zu erden ist zudem Meditation hilfreich, ebenso sanfte Bewegungsarten wie Yoga. Über Yoga, insbesondere Yin Yoga, kannst du durch Dehnung oder Kompression auch gezielt die Meridiane (= Energiebahnen) von Lunge und Dickdarm stimulieren, um diese Metall-Organe zu kräftigen und mit Energie zu versorgen.

Ansonsten gilt, da sind sich TCM und Ayurveda einig: Nimm dir Zeit für dich und komm zur Ruhe. Die Tage werden kürzer und das Leben verlagert sich ohnehin von draussen wieder mehr nach drinnen. Wende den Blick auch in dein Inneres, gönn dir Stille und Erholung. Lass die vergangenen Monate Revue passieren und lass los, was gehen darf. Innehalten und Kraft tanken sind zentrale Aspekte in dieser Jahreszeit. Gib dich dem Wandel und der Transformation hin, vertrau aufs Leben und konzentrier dich auf das Wesentliche und Beständige.

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Miriam Sommer

Miriam Sommer

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Miriam arbeitet als freie Autorin und Yogalehrerin. Durch längere Reisen in fremde Länder wuchs ihre Passion für achtsames, bewusstes Leben und Persönlichkeitsentwicklung. Während sie früher geübte Langschläferin war, ist ihr heute der frühe Morgen die liebste Zeit des Tages.

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