Resilienz: Mit Lebensmut durch Krisen

Resilienz: Mit Lebensmut durch Krisen

Resilienz stärken - 6 Säulen der Resilienz
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Es gibt Menschen, die sich scheinbar von keiner Krise der Welt aus der Bahn werfen lassen, die sich nach Schicksalsschlägen schnell wieder aufrappeln und auch in schweren Zeiten Ruhe und Zuversicht bewahren. Im Volksmund gelten diese Menschen als Stehaufmännchen, in der Psychologie nennt man sie resilient. Sichtbar werden resiliente Menschen in der aktuellen Corona-Krise als diejenigen, die trotz aller Einschränkungen und Unsicherheiten gelassen bleiben.

Doch was genau ist Resilienz und wie kannst du sie erlernen? Denn eins vorneweg: Die frühen Kindheitsjahre prägen zwar den Grad deiner Resilienz, diese ist aber nicht erblich bedingt, sondern kann durchaus erlernt und weiterentwickelt werden.

 

Resilienz ist das Immunsystem deiner Seele

Der Begriff Resilienz stammt ursprünglich aus der physikalischen Werkstoffkunde und bezeichnet dort Materialien, die nach starkem Druck oder externen Einwirkungen wieder in ihre natürliche Form zurückkehren. Aus psychologischer Sicht beschreibt er heute Menschen, die herausfordernde Zeiten und Situationen wie Jobverlust, Trennungen, Trauerfälle, schwere Krankheiten und Unfälle meistern und ihre psychische Gesundheit dabei nicht einbüssen. Ausserdem hilft Resilienz dabei, mit Stress und Veränderungen umgehen und sich schnell an neue Situationen und Rahmenbedingungen anpassen zu können.1

Resilient zu sein bedeutet also widerstandsfähig zu sein und mentale Stärke zu besitzen. Häufig wird Resilienz daher als das Immunsystem der Seele bezeichnet, da sie unsere Seele schützt und vor bleibenden Schäden bewahrt. Das ist allerdings nicht gleichbedeutend damit, keine Krisen mehr zu durchlaufen. Resilienz ist kein Schutzschild, das dich vor Problemen und Rückschlägen bewahrt. Sie hilft dir aber dabei, mit diesen umgehen zu können und dich nicht unterkriegen zu lassen. Gerade in der heutigen Zeit, die von hoher Stressbelastung, Schnelllebigkeit, Umweltkatastrophen und derzeit sogar einer globalen Pandemie geprägt ist, ist Resilienz eine deiner wichtigsten Superkräfte für ein erfülltes Leben.

 

Was macht Resilienz aus?

Es ist offensichtlich, dass nicht alle Menschen gleich resilient sind. Das zeigt sich zum Beispiel in der unterschiedlichen Belastbarkeit in Stressphasen und darin, wie schnell eine Person nach einem Schicksalsschlag mit ihrem Leben fortfährt. Die Wissenschaft versucht seit einigen Jahrzehnten herauszufinden, welche Faktoren dafür verantwortlich sind und die persönliche Resilienz stärken.

Im Rahmen dessen haben Karen Reivich und Andrew Shatté in ihrem Buch The Resilience Factor2 die 7 Säulen der Resilienz definiert. Dabei handelt es sich um Eigenschaften, über die resiliente Menschen ihren Forschungsergebnissen zufolge verfügen:

1. Optimismus

Siehst du eine Krise als Feind oder als Chance? Resiliente Menschen richtigen ihren Blick auch in schwierigen Zeiten auf die positiven Dinge. Sie praktizieren Dankbarkeit für diese, bewahren Hoffnung und glauben daran, dass sich alles zum Guten wenden wird. So erleben sie eine Herausforderung oft als Chance, um persönlich zu wachsen.

2. Akzeptanz

Resilienz wird gestärkt durch die Akzeptanz von Dingen, die ausserhalb des eigenen Einflusses liegen oder bereits geschehen sind. Widerstandsfähige Menschen akzeptieren ihre eigene Situation und stellen sich nicht dauerhaft die Frage, warum es ausgerechnet sie treffen musste.

3. Selbstwirksamkeit

Glaubst du an deine eigenen Fähigkeiten und daran, dass du etwas bewirken kannst? Dieses Gefühl der Selbstwirksamkeit ist ein Merkmal von Resilienz. Wer resilient ist, glaubt an sich selbst und fühlt sich weniger ohnmächtig und gelähmt.

4. Lösungsorientierung

Es ist ein grosser Unterschied, ob du lösungs- oder problemorientiert denkst. Ein Faktor der Resilienz ist es, die Aufmerksamkeit auf die Suche nach kreativen Lösungen zu richten, anstatt bloss über das Problem zu grübeln und in Selbstmitleid zu versinken. Der eigene Fokus auf die Bereiche, auf die du Einfluss nehmen kannst, ist ausschlaggebend.

5. Eigenverantwortung

Eigenverantwortung bedeutet, die Opferrolle zu verlassen und stattdessen Verantwortung für das eigene Handeln und Entscheidungen zu übernehmen, statt die Verantwortung stets an äussere Umstände oder andere Menschen abzugeben. Wer eigenverantwortlich handelt, stärkt dadurch gleichzeitig das Gefühl der Selbstwirksamkeit.

6. Netzwerkorientierung

Die Wissenschaftler haben herausgefunden, dass einer der wichtigsten Faktoren für Resilienz stabile zwischenmenschliche Beziehungen. Resiliente Menschen verfügen über ein Netzwerk an nahestehenden Personen, an die sie sich zu jeder Zeit wenden und um Hilfe bitten können. Vor allem aber machen resiliente Menschen auch Gebrauch von diesem Netzwerk und versuchen nicht, jede Krise möglichst alleine zu bewältigen.

7. Zukunftsplanung

Ein weiterer Faktor, der zur Resilienz beiträgt, ist es, die eigene Zukunftsplanung nicht aus den Augen zu verlieren. Auch zu Krisenzeiten halten resiliente Menschen an ihren Plänen fest oder schmieden sogar neue. Das zeugt davon, dass sie wissen, dass die aktuelle Situation nicht ewig anhalten wird und die Zukunft wieder rosiger aussehen wird.

 

So kannst du deine Resilienz stärken

Wenn du die obengenannten Eigenschaften entwickelst, stärkst du dadurch deine eigene Resilienz und wirst widerstandsfähiger gegenüber zukünftigen Krisen. Das klingt erst einmal leichter gesagt als getan, denn neue Eigenschaften zu entwickeln und alte zu verlernen erfordert Geduld und Willenskraft. Die folgenden fünf Praxistipps können dir jedoch helfen.

 

Praktiziere Achtsamkeit.

Indem du achtsamer wirst, kommst du mehr und mehr im Hier und Jetzt an. Das hilft dabei, die Gegenwart so zu akzeptieren wie sie ist und deine innere Stärke zu erkennen. Mit Yoga und Meditation wirst du dir der Ruhe bewusst, die dir innewohnt und zu der du auch in herausfordernden Momenten zurückkehren kannst. Du lernst, dass alles ohnehin stets im Wandel ist und stetige Veränderung Teil des Lebens ist. Das Ergebnis von Achtsamkeit ist ein klarer Blick auf die Situation, der dir hilft, Lösungen zu finden.

Führe ein Dankbarkeitstagebuch.

Dankbarkeit ist ein mächtiges Werkzeug und eines der stärksten Gefühle. Mach dir auch in schwierigen Zeiten bewusst, für wie viele Dinge es sich lohnt, dankbar zu sein. Schreibe jeden Abend drei kleine Dinge auf, für die du an diesem Tag besonders dankbar bist. Das kann eine gute Unterhaltung sein oder das Lächeln eines Fremden im Bus. Wenn du eine Zeit lang Dankbarkeit praktizierst, veränderst du automatisch die Ausrichtung deiner Gedanken und du fühlst dich positiver, optimistischer und zufriedener.

Triff Entscheidungen.

Vielleicht fühlst du dich in schwierigen Situationen gelähmt und ängstlich. Das kann es schwerer machen, Entscheidungen zu treffen – dabei wäre genau das sehr förderlich. Wenn du es endlich geschafft hast, eine Entscheidung zu treffen, fühlst du dich in der Regel befreit. Ausserdem stärkst du das Gefühl der Selbstwirksamkeit und übernimmst Verantwortung für dich und dein Leben. Hab keine Angst vor Entscheidungen – jede Entscheidung ist besser als gar keine.

Erinnere dich an deine Erfolge.

Menschen tendieren dazu, vergangene Erfolge schnell zu vergessen. Wenn du dich aber an alles erinnerst, was du in deinem Leben bereits erreicht oder überstanden hast, machst du dir deine eigene Kraft bewusst. Das gibt dir Selbstvertrauen und den Glauben daran, auch die aktuelle Krise erfolgreich meistern zu können. Frag gegebenenfalls auch deine Freunde und deine Familie, wofür sie dich bewundern und wann sie besonders stolz auf dich waren.

Nimm Hilfe an.

Verabschiede dich von dem Irrglauben, dass du alles alleine schaffen musst. Dein Netzwerk ist deine wichtigste Ressource. Menschen sind soziale Wesen und du darfst – sollst – angebotene Hilfe auch annehmen.

 

Resilienz befreit dich nicht von allem Leid

Wie eingangs bereits erwähnt, erlöst Resilienz dich nicht davon, Krisen zu durchlaufen. Auch resiliente Menschen erfahren immer wieder Leid. So banal der Spruch auch klingt, aber das gehört zum Leben dazu. Allerdings hilft Resilienz dir dabei, stets zu wissen, dass auch dieses Leid vergänglich ist. Es geht also nicht darum, alles schönzureden und Negatives auszublenden. Vielmehr ist das Ziel, auch in Phasen des Umbruchs und Wandels immer wieder in die eigene Mitte zurückzufinden und vielleicht sogar die Krise als Einladung zum persönlichen Wachstum anzunehmen.

Quellen

[1] Jakob, K. (o. J.): Resilienz: Das Geheimnis der inneren Stärke. Zugriff am 17.08.2020 unter https://www.geo.de/magazine/geo-wissen/19986-rtkl-widerstandskraft-resilienz-das-geheimnis-der-inneren-staerke.

[2] Reivich, K.; Shatté, A. (2003): The Resilience Factor: 7 Keys to Finding Your Inner Strength and Overcoming Life’s Hurdles. Broadway Books.

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Miriam Sommer

Miriam Sommer

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Miriam arbeitet als freie Autorin und Yogalehrerin. Durch längere Reisen in fremde Länder wuchs ihre Passion für achtsames, bewusstes Leben und Persönlichkeitsentwicklung. Während sie früher geübte Langschläferin war, ist ihr heute der frühe Morgen die liebste Zeit des Tages.

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