Faszination Morgenstunde – Mythen zum Sonnenaufgang

Faszination Morgenstunde – Mythen zum Sonnenaufgang

Morgen Mythen und Märchen
Photo by Marc Thunis on Unsplash

Von den alten Ägyptern über die Azteken in messamerikanischen Zivilisationen bis zu den Germanen, von den Griechen in der Antike bis zu den Inuits im arktischen Kanada und in Grönland, von den Kelten bis zu den Chinesen: In fast allen Kulturen ranken sich Mythen und Legenden rund um die Sonne. Mindestens ebenso vielfältig sind die Geschichten, die den täglichen Sonnenaufgang zu erklären versuchen. Das Überschreiten des Horizonts durch die Sonne und damit das erste Licht, das die Dunkelheit der Nacht durchbricht, gibt Hoffnung und verspricht einen Neuanfang. Oder, um es mit einer indischen Weisheit zu sagen: Auf jede Nacht folgt ein Sonnenaufgang.

 

Ägypten: Was dem Skarabäus die Mistkugel, ist Gott Re der Sonnenball

Im alten Ägypten drehte sich alles um den Sonnengott Re. Unter dem jubelnden Gekreische der Paviane, die seine huldigenden Begleiter waren, wurde er jeden Morgen aufs Neue geboren und abends wieder verschluckt. Dazwischen nahm er im Tagesverlauf jede Stunde einen neuen Namen und eine neue Gestalt an. Im Sonnenaufgang wurde er durch den Skarabäus-förmigen Chepre («der, der von selbst entsteht») symbolisiert. Die Ägypter glaubten nämlich, dass die Sonne jeden Morgen von selbst aus der Erde hervortritt. So wie beim Mistkäfer, der seine Eier in eine Mistkugel legt und dessen Junge scheinbar ohne Zeugungsakt entstehen. Und so wie der Skarabäus die Mistkugel wie einen Ball vor sich herschiebt, rollt der Gott die Sonnenscheibe am Morgen über den Horizont.

 

Neuseeland: Das Zähmen der Sonne

Die neuseeländischen Maori schreiben es dem listigen Halbgott Maui zu, dass wir uns am majestätischen Aufgehen und Untergehen der Sonne erfreuen können: Immer wieder beschwerten sich seine Brüder bei ihm darüber, dass die Tage wie im Flug vergingen und es kaum möglich wäre, alle Arbeiten vor Einbruch der Dunkelheit zu erledigen. Die Sonne würde einfach zu schnell ihre Bahn über den Himmel ziehen. Statt wie seine Brüder zu klagen, hatte Maui eine Lösung parat: «Ich glaube, ich kann die Sonne zähmen!», meinte er, «wir machen uns die Tage einfach länger!» Er bat die Frauen, ein riesiges Netz aus Flachs zu knüpfen. «Damit werde ich die Sonne fangen, als wäre sie ein Vogel!», sprach Maui.

Am nächsten Morgen brach er mit seinen Brüdern nach Osten auf, wo die Sonne nachts in einer Höhle schlief. Dort angekommen überdeckten sie deren Eingang mit dem Netz, den Blättern und Zweigen. Auf der anderen Seite des Höhleneingangs bauten sie eine Mauer aus Wachs, um sich in der Früh vor den sengenden Strahlen der Sonne zu schützen. Der Plan ging auf: Als die Sonne am Morgen ihre Höhle verlassen wollte, verhedderte sie sich im Netz. Maui trat aus dem Schutz der Mauer hervor und begann, auf die gefangene Sonne einzuschlagen. «Was machst du? Willst du mich umbringen?», schrie diese. «Nein», sagte Maui, «es tut mir leid, aber das war die einzige Möglichkeit, zu erreichen, dass du langsamer gehst. Versprichst du mir aber, von nun an langsamer zu reisen, so lasse ich dich frei.» «Nun», sprach die verletzte Sonne, «selbst wenn ich wollte, könnte ich nun nicht mehr schnell über den Himmel ziehen.» Da endlich hatte Maui Mitleid und befreite die Sonne aus dem Netz. Ganz langsam stieg sie in den Himmel empor und begann ihre tägliche Reise. Der Halbgott hatte sein Ziel erreicht: Die Sonne war gezähmt.1

 

Diese Geschichte soll sich übrigens auf dem Vulkan Haleakala auf der hawaiianischen Insel Maui abgespielt haben. Heute begeben sich täglich Hunderte von Besuchern auf die Spuren des Halbgotts: Sie stellen sich frühmorgens den Wecker, hüllen sich in vier Kleiderschichten, um in einer Fahrzeugschlange morgens die kurvenreichen Strasse den Berg hinauf in die Dunkelheit zu fahren und – oben angekommen – am Rand des Kraters auf das Erwachen der Sonne zu warten. 

 

Südtirol: Magisches Alpenglühen

Doch nicht nur am anderen Ende der Welt lassen sich faszinierende Morgendämmerungen und Sonnenaufgänge erleben. In den heimischen Bergen hat diese magische Zeit sogar einen Namen: Enrosadiraoder auch Alpenglühen heisst der Zauber, wenn die ersten (und letzten) Sonnenstrahlen des Tages die Spitzen des Hochgebirges in ein tiefes Rosarot hüllen.

Eine der bekanntesten Erklärungen dafür liefert die Geschichte des Zwergenkönigs Laurin und seinem Rosengarten, die sich auf dem Catinaccio-Bergmassiv in den Dolomiten abspielt: Zu den vielen Schätzen des Königs gehörte ein Gürtel, der ihn unsichtbar werden liess. Als Laurin als Einziger nicht zum grossen Fest des Königs an der Etsch eingeladen wurde, nutzte er diesen magischen Gürtel und ging dennoch hin – ohne gesehen zu werden. Wie es das Schicksal wollte, verliebte er sich bei der Feier in die Königstochter Similde und entführte sie kurzerhand in sein Reich auf den Catinaccio, das er in einen wunderschönen Rosengarten verzauberte. Als der König an der Etsch loszog, um seine Tochter zu befreien, hielt sich Laurin wegen seines Gürtels für unbesiegbar. Dabei übersah er aber eines: Jedes Mal, wenn er sich in seinem Rosengarten bewegte, trat er auf eine Rose. Die Spur führte die Soldaten des Königs direkt zum Zwergenkönig. Dem blieb nichts anderes übrig, als sich zu ergeben und die schöne Similde ihrem Vater zurückzugeben. Zuvor jedoch belegte er den Rosengarten, der ihn verraten hatte, mit einem Fluch:

Weder bei Tag noch bei Nacht soll kein Mensch deine Pracht mehr bewundern können.

Statt schöner Rosen zeigt sich dort seither bloss nackter Felsen. Nur in der Zeit zwischen Tag und Nacht – der Morgen- und Abenddämmerung – können wir heute noch den Rosengarten bewundern, der die Spitzen der Dolomiten in rote Farbe hüllt.2

 

Ob wir sie dem überlisteten Zwergenkönig Laurin, dem schlauen Maui oder dem ägyptischen Sonnengott Chepre verdanken – die Magie des Sonnenaufgangs ist und bleibt ungebrochen. Jeden Tag aufs Neue!

Quellen

[1] N.N., Wie Maui die Sonne einfing. Zugriff am 14.09.2020 unter https://www.bergwild.de/neuseeland-live/hoerbuch/wie-maui-die-sonne-zaehmte/

[2] N.N., Der Rosengarten von König Laurin. Deshalb färben sich die Dolomiten in der Dämmerung rosa. Zugriff am 14.09.2020 unter https://www.visittrentino.info/de/artikel/unesco-dolomiti/dolomiti/legenden-konig-laurin-enrosadira

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Doris Neubauer

Doris Neubauer

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Schreibende, Vernetzende, Reisende und vor allem eine, die nicht still sitzen kann. Und doch ist Meditation neben Yoga sowie der Tasse Kaffee ein unerlässlicher Bestandteil ihrer Morgenroutine. Diese liebt sie genauso wie das Erzählen inspirierender, Mut machender Geschichten.

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